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…. und wenn ein Mädchen ein Mädchen liebt …?
Konzept über die pädagogische Arbeit mit Mädchen und jungen Frauen im LIBS

Hintergrund

Lesbische Mädchen und junge Frauen haben im LIBS seit der Gründung 1992 einen zentralen Platz eingenommen. Doch erst seit Juni 1998 konnte zuerst im Rahmen einer ABM-Stelle und anschließend durch die anteilige Finanzierung durch das Jugend- und Sozialamtes der Stadt Frankfurt die Mädchenarbeit im LIBS etabliert werden.

Der Verein Lesben Informations- und Beratungsstelle e.V. ist seit dem 14.03.2001 im Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband (Landesverband Hessen) organisiert. Zusätzlich wurde LIBS im Juni 2001 nach § 75 des SGB VIII als Träger der freien Jugendhilfe durch den Jugendhilfeausschuss der Stadt Frankfurt am Main anerkannt.

Ausgangssituation

Trotz der rechtlichen Verbesserungen für Homosexuelle und der immer stärker werdenden Medienpräsenz erleben lesbische Mädchen und Frauen aller Altersgruppen im Alltag immer noch Gewalt und Diskriminierung und werden in ihrer Freiheit, ihre Gefühle auszuleben, eingeschränkt. Kontakte zwischen jungen Lesben werden oft als Phase einer entwicklungsbedingten “Verwirrung” bezeichnet.

Laut einer Umfrage des Ministeriums für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit in NRW (1999) finden 74% aller Eltern schlimm, wenn ihre Kinder lesbisch oder schwul wären. Die Befragung von Jugendlichen 2002 hat deutlich gemacht, dass 61% aller deutschen Jugendlichen Lesben und Schwule ablehnen (IconKids & Youth). Das Ergebnis der Studie der Senatsverwaltung Berlin für Schule, Jugend und Sport (1999) hat ergeben, dass 18% der lesbischen und schwulen Jugendlichen bereits einen oder mehrere Suizidversuche hinter sich haben. „Homosexualität ist immer noch mit dem gleichen Ausmaß an negativen Gefühlen verbunden, wie vor 30 Jahren“, heißt es in einer Untersuchung des Niedersächsischen Sozialministeriums.

Die Studien zeigen deutlich, dass Mädchen und Frauen bei ihrer sexuellen Identitätsfindung auch zukünftig Unterstützung und Beratung sowie Information und Vernetzung benötigen. Es besteht weiterhin die Notwendigkeit, Einrichtungen zu schaffen, die das Ziel verfolgen, abwertenden Haltungen gegenüber Lesben entgegenzuwirken.

Entwicklung sexueller Identität

Das Alter, in dem eine ihre Gefühle zum gleichen Geschlecht wahrnimmt und zulässt, ist von Mädchen zu Mädchen, von Frau zu Frau sehr unterschiedlich. Entscheidend für das Zulassen homoerotischer Gefühle ist häufig der Kontakt zu anderen Frauen und Männern mit gleichgeschlechtlicher sexueller Orientierung oder die Erschließung von Informationsquellen über lesbische bzw. bisexuelle Lebensweisen, Treffpunkte oder Gruppen. Der Kontakt zu anderen lesbischen oder bisexuellen Mädchen und Frauen hilft, negative Stereotype abzubauen und ein positives Selbstbild zu entwickeln. Der Weg von der inneren Verleugnung bis zur Selbstakzeptanz passiert häufig in der Isolation. Mädchen mit gleichgeschlechtlicher Orientierung fürchten häufig aufgrund ihres „Andersseins” ausgegrenzt zu werden und reden in der Regel erst mit anderen über ihre Gefühle, wenn sie sich Klarheit über ihre sexuelle Identität verschafft haben.

Das Ausmaß und die Dauer der inneren Konflikte hängt von unterschiedlichen Umständen ab, wie Familie, dem sozialen Hintergrund, dem sozialen Umfeld Schule und Freundeskreis. Insbesondere Mädchen, die eine lesbische oder bisexuelle Identität entwickeln, bekommen durch ihr heterosexuelles Umfeld das Gefühl, einsam („die Einzige“) zu sein. Sie sind in der Zeit der Identitätsentwicklung und mit der Anforderung, neue Lebensperspektiven und -formen zu erschließen, oftmals auf sich allein gestellt. Selten werden lesbische oder bisexuelle Mädchen von ihrer sozialen Umwelt als ‚anders’ und doch gleichwertige Mädchen angenommen.

Vor diesem Hintergrund gehen Mädchen und Frauen mit gleichgeschlechtlicher Orientierung auch immer wieder heterosexuelle Beziehungen ein, um ihr Lesbischsein zu verbergen. Andere leben Frauenbeziehungen, ohne sich je als lesbisch oder bisexuell zu bezeichnen.

Ziele

Ziel dieses Arbeitsbereiches ist, junge Lesben bei ihrer Identitätsfindung zu unterstützen und die Spannbreite weiblicher Lebensrealitäten in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, Schulen und anderen sozialen Einrichtungen sichtbar zu machen, um letztendlich die Vernetzung und Einbindung des Themas “Lesbische Existenz” in die Mädchen- sowie Jugendarbeit zu ermöglichen.

Somit teilt sich das Projekt in zwei Schwerpunkte auf:

  • die pädagogische Arbeit mit lesbischen, bisexuellen Mädchen und junge Frauen und all diejenigen, die in bezug auf ihre Gefühle zu Mädchen und Frauen verunsichert sind und in einem Klärungsprozess begleitet werden möchten
  • die Verankerung des Themas „Lesbische Lebensweisen“ im Bereich Kinder- und Jugendhilfe sowie Schule

Angebote

Mit dem kontinuierlichen Beratungsangebot für junge Lesben bietet LIBS e.V. die Möglichkeit zu einer Auseinandersetzung mit sich selbst, der eigenen Lebenssituation oder konkreten Problemen. Mit dem Gruppenangebot wollen wir interessierten Mädchen und jungen Frauen die Möglichkeit geben, mit anderen in Kontakt zu kommen.

  • Beratung in Problem- oder Krisensituationen, längerfristige Betreuungen zur Stabilisierung und Alltagsbewältigung, auch für Mädchen und junge Frauen mit Migrationshintergrund
  • In Form von Gruppenarbeit finden die konzeptionellen Inhalte einer bedürfnis- und nachfrageorientierten, feministischen Mädchenarbeit ihre methodische Umsetzung. Nicht nur problem- und konfliktbeladene Themen, sondern auch Bildungsfragen werden aufgegriffen und Kulturprojekte werden umgesetzt
  • Neben den psychosozialen Angeboten ist es immer wieder wichtig, niedrigschwellige Angebote im Freizeitbereich durchzuführen, damit ein Erstkontakt, der für viele Besucherinnen mit Ängsten und Unsicherheiten besetzt ist, erleichtert und bestehende Beziehungen zu einzelnen Teilnehmerinnen erweitert und gefestigt werden können
  • Informations- und Aufklärungs- sowie Weiterbildungsveranstaltungen zu dem Thema für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kinder- und Jugendhilfe, Schulen und anderen sozialen Einrichtungen werden organisiert und gestaltet

Methoden und Veranstaltungsformen

Unsere Aufgabe ist es, jede Lebenssituation und –problematik der Mädchen und jungen Frauen ernst zu nehmen und einen vorurteilsfreien Raum zu bieten, in dem Auseinandersetzungen aller Art stattfinden können, damit ein eigenes, ganz persönliches Lebenskonzept gefunden und weiterentwickelt werden kann. Damit die verschiedenen Angebote eine zielgerechte Umsetzung finden, werden folgende Methoden in der Arbeit mit lesbischen und bisexuellen Mädchen und jungen Frauen angewandt:

  • Psychologische Einzelberatung
  • telefonische oder briefliche sowie e-mail-Beratung im Schutz der Anonymität
  • pädagogisch angeleitetes Gruppenangebot
  • Informations-, Aufklärungs- und Weiterbildungsveranstaltungen für das nähere Umfeld der Zielgruppe sowie für Multiplikatorinnen

Das Repertoire der angebotenen Veranstaltungen umfasst

  • einmalige Veranstaltungen
  • Tages- und Wochenendseminare
  • längerfristige, regelmäßige Gruppentreffen

Zielgruppen

Durch die unterschiedlichen Schwerpunkte dieses Arbeitsbereiches ergeben sich auch ganz unterschiedliche Zielgruppen.

Die Gruppenangebote und Beratungsgespräche richten sich an Mädchen und junge Frauen im Alter von 14 bis 25 Jahren aller Nationalitäten aus dem Stadtgebiet Frankfurt am Main und der näheren Umgebung. Die Teilnehmerinnen suchen einen Austausch mit gleichaltrigen Mädchen und jungen Frauen in ähnlichen Lebenssituationen. In den wöchentlich stattfindenden Gesprächsrunden wird immer wieder das Thema “Coming-Out” angesprochen. Damit ist der Prozess des Sich-Bewußt-Werdens der eigenen Homosexualität gemeint. Durch Beratungsgespräche finden sie Unterstützung bei ihren Schwierigkeiten und Problemen, Ängsten und oftmals negativen Erfahrungen beim Mitteilen ihres Lesbisch-Seins.
Damit junge Lesben ihre eigene Identität entwickeln können, sind Informations- und Aufklärungsangebote ebenso für das unmittelbare Umfeld der Mädchen und jungen Frauen aus Familie, Schule und Arbeitswelt als auch für die allgemeine Öffentlichkeit notwendig. Ziel dieser Arbeit ist, mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern über bestehende Meinungen, Klischees und Vorurteile zu sprechen und sie zum Nachdenken über eigene und gesellschaftliche Bewertungen verschiedener Lebensentwürfe und verschiedener Formen von Sexualität anzuregen.

Der zweite Schwerpunkt des Arbeitsbereiches richtet sich sowohl an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Jugendämtern und Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe als auch an Pädagoginnen und Pädagogen in Schulen. Damit diese Zielgruppe in Zukunft fachkundige Ansprechpartnerinnen oder Ansprechpartner für das Thema sein können, werden Fortbildungsangebote für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren durchgeführt. Zusätzlich finden durch die Gremienarbeit und durch Kooperationen mit kommunalen Mädcheneinrichtungen und koedukativen Einrichtungen eine Einbindung des Themas „Lesbische Lebensweisen“ in die pädagogische Arbeit statt. Die Vernetzung von lesbischen Pädagoginnen im außerschulischen Bereich sowohl auf regionaler als auch auf überregionaler Ebene fördert den Austausch untereinander und schafft eine Plattform für die fachliche Weiterentwicklung des Themas in der Kinder- und Jugendhilfe sowie in Schulen.

Personal

Als pädagogisches Personal ist eine hauptamtliche Mitarbeiterin mit einem Beschäftigungsumfang von 100% (38,5 Std./Wo.) eingestellt. Diese pädagogische Mitarbeiterin übernimmt die Projektleitung, wozu neben der Betreuung der Öffnungszeiten und dem wöchentlich stattfindenden Gruppenangebot für junge Lesben auch die Koordination und Durchführung der verschiedenen Angebote und Programmpunkte zählt. Eine Diplom-Psychologin mit monatlich zwei Stunden übernimmt die psychologische Beratungsarbeit. Je nach Bedarf der Angebote werden verschiedene Honorarkräfte einbezogen.

Die Projektleiterin des Arbeitsbereiches „Mädchenarbeit im LIBS“ sowie die Beraterin nehmen regelmäßig an der Team- und Fall-Supervision mit insgesamt 10 Stunden im Jahr teil. Die Supervision dient der kritischen und systematischen Überprüfung der eigenen Arbeit sowie der Planung von zukünftigen Arbeitsprozessen. Damit trägt sie zum einen zur Qualifizierung der pädagogischen Arbeit bei und zum anderen werden dadurch Arbeitsprozesse optimiert.

Erfolgskriterien

Für die pädagogische Arbeit werden Qualitätsstandards immer bedeutsamer. Aus diesem Grund ist es für die Arbeit mit lesbischen und bisexuellen Mädchen und jungen Frauen notwendig, Kriterien zu benennen, die den Erfolg des Arbeitsbereiches verdeutlichen werden.

Kriterien auf individueller Ebene durch psychosoziale Angebote:

  • hilfsbedürftige Mädchen und junge Frauen durch Krisenintervention und/oder Beratung zu stabilisieren
  • eine Klärung ihrer sexuellen Identität sowie psychosozialen Lebenssituation, d.h. Entwicklungsschritte des Coming-Out-Prozesses unterstützen und begleiten
  • eine Entlastung durch einen erleichterten Umgang mit Konflikten, die damit im Zusammenhang stehen

darüber hinaus:

  • eine größere Sichtbarkeit lesbischer und bisexueller Mädchen und junger Frauen in der Öffentlichkeit, z.B. durch Interviews, eigene Filme, Radio- und Presseberichte sowie durch Fotoausstellungen und Teilnahmen am Christopher-Street-Day (CSD)
  • eine zunehmende Informiertheit lesbischer und bisexueller Mädchen und junger Frauen sowie MulitplikatorInnen durch Informations- und Fortbildungs-veranstaltungen zum Thema
  • strukturelle Verbesserungen der Lebenssituation junger Lesben in Frankfurt am Main durch intensive Mitarbeit in entscheidungspolitischen Gremien der Kinder- und Jugendhilfe.

Evaluation und Erfolgskontrolle

Folgende Methoden der Evaluation finden als Qualitätssicherung dieses Arbeitsbereiches ihre Umsetzung:

  • Zeiterfassung der Mitarbeiterinnen
  • Regelmäßige Teamsitzungen
  • Kontinuierliche Reflexion der Arbeit mit dem Vorstand, Vereinsversammlung und mit Kolleginnen innerhalb der vernetzten Strukturen
  • Fortlaufende Supervision
  • Teilnahme an Fortbildungen
  • Befragung der Klientinnen zur Zufriedenheit nach Nutzung der Angebote

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