Editorial

Liebe Leser_innen,

sind wir angekommen?
Angesichts der Einführung der „Ehe für alle“ haben einige Menschen öffentlich die Frage gestellt, ob Lesben (und Schwule) nicht endlich am Ziel der Gleichstellung angekommen sind. Je nachdem, wem die Frage gestellt wird, fällt die Antwort unterschiedlich aus. Wir sagen mit vielen anderen NEIN, wir sind nicht angekommen.
Warum?

Es gibt weiterhin Diskriminierung und Ausgrenzung, Beschimpfung und Mobbing von Frauen, die Frauen lieben. Es ist aber schwerer geworden, darüber zu sprechen, weil die Gesellschaft häufig so tut, als seien alle Probleme, die mit LGBTIQ-Lebensweisen zu tun haben, überwunden.

„Ehe für alle“ bedeutet immer noch keine Gleichstellung! Rechtlich werden lesbische Mütterpaare nach wie vor benachteiligt, weil mit der Ehe NICHT automatisch das gemeinsame Sorgerecht für die Wunschkinder gilt. Das ist eine klare rechtliche Ungleichbehandlung gegenüber heterosexuellen Elternpaaren – und ließe sich mit einer Gesetzgebung, die sich z.B. an Spanien oder Großbritannien orientiert, gut ändern.

„Ehe für alle“ kann nicht das wirkliche Ziel sein – sagen viele lesbische, bisexuelle und queere Frauen*. Sie sehen die Ehe als traditionelle Institution kritisch – auch, weil einige sich noch gut daran erinnern können, dass der gesellschaftliche Druck, verheiratet zu sein, für Frauen besonders stark war. Die Akzeptanz von Menschen mit nicht heterosexuellen Lebensweisen ist nicht automatisch deshalb gegeben, weil diese Menschen heiraten können.

Was uns besorgt macht: Beschimpfungen und Hetze gegenüber lesbischen, schwulen, transidenten und queeren Menschen nehmen zu. Hass und Hetze von Internetforen rechter Gruppen spaltet die Gesellschaft. Indoktrination und inakzeptable Propaganda christlich-fundamentalistischer Gruppen vergiften das gesellschaftliche Klima.

Wir wenden uns gegen verbale Schlammschlachten, insbesondere in den sogenannten Sozialen Medien. Wir wollen aber auch nicht schweigen. Erlebtes und Erfahrenes will geteilt werden. Diskriminierungen – Erfahrungen von Ausgrenzung, Geringschätzung, Abwertung und Benachteiligung – müssen benannt werden. Dass Menschen über ihre Erfahrungen sprechen, geht nur mit Vertrauen, in einem Klima der Offenheit, in dem es auch Zuhörende gibt. Aus diesem Grund ist LIBS e.V. seit 2016 Teil des Beratungsnetzwerks ADiBe, das Menschen in ganz Hessen unterstützt und berät, die Diskriminierung erfahren haben.

Wir freuen uns über alle, die über Ungleichbehandlung und Diskriminierung sprechen. Lasst uns Verbündete suchen und Netzwerke schaffen mit Menschen, die reden und zuhören können. Lasst uns miteinander feiern – vor allem auch die Stärken und Erfolge, die uns verbinden, auch wenn wir alle verschieden sind.

Auf ein starkes 2018!

LGBTIQ steht für lesbische, schwule (gay), bisexuelle, transidente, intersexuelle, queere Menschen oder Lebensweisen